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The Noise Between

ADHS und Zeitblindheit: Was es mich kostet, pünktlich zu sein

 · 6 Min. Lesezeit

Big Ben’s clock faces and golden stonework beneath a dramatic clouded sky, with dark branches and iron railings in the foreground.

Aus dem englischen Original übersetzt.

Sieben Wecker, fünf Minuten Schlummerzeit und Termine, die eine halbe Stunde früher im Kalender stehen. Der Aufwand, den niemand sieht.

Ich habe mir mit viel Mühe antrainiert, pünktlich zu sein. Das möchte ich vorweg sagen, bevor ich über ADHS und Zeitblindheit schreibe. Denn manchmal wird angenommen: Wer zur vereinbarten Zeit auftaucht, kann damit doch gar kein Problem haben.

Zu meinen Vorkehrungen gehören sieben Wecker mit jeweils fünf Minuten Schlummerzeit. Termine trage ich dreissig Minuten vor ihrem tatsächlichen Beginn in meinen Kalender ein. Ich musste mir Erinnerungen an Erinnerungen bauen und den Abstand einplanen zwischen dem Wissen, dass ich etwas tun muss, und dem Moment, in dem ich es tatsächlich tue.

Es steckt eine ganze Menge Vorbereitung hinter etwas, das von aussen einfach so aussieht, als käme eine erwachsene Frau zu ihrem Termin.

Pünktlichkeit ist mir wichtig. Ich weiss, dass andere Menschen auch etwas zu tun haben, und ich möchte, dass sie sich auf mich verlassen können. Genau deshalb habe ich so hart daran gearbeitet. Doch sobald das System funktioniert, wird der Aufwand dahinter unsichtbar. Man kommt an, der Termin beginnt, und niemand sieht die sieben Wecker, die einen dorthin gebracht haben.

Ich glaube, das passiert bei ADHS im Erwachsenenalter ziemlich häufig. Menschen sehen, was wir schaffen, und schliessen daraus, wie leicht es uns gefallen sein muss.

Wenn ich pünktlich komme, siehst du das Ergebnis meiner Mühe. Du siehst nicht, wie viel Mühe es gekostet hat.

«Zeitblindheit», auf Englisch «time blindness», beschreibt Schwierigkeiten, das Vergehen von Zeit wahrzunehmen und einzuschätzen, wie lange etwas dauern wird. Das kann zu ADHS gehören, sieht aber nicht bei allen gleich aus. Für mich liegt die Schwierigkeit in der Kluft zwischen dem, was die Uhr anzeigt, und dem, wie sich Zeit anfühlt, während ich etwas tue.

Ich weiss sehr wohl, was fünf Minuten sind. Ob sich diese fünf Minuten auch wie fünf Minuten anfühlen, ist eine ganz andere Frage.

Gib mir etwas, das mich interessiert, und ich kann völlig darin verschwinden. Die Recherche für mein Buch ist ein gutes Beispiel. Eine Frage führt zur nächsten, etwas Gelesenes verändert meinen Blick auf ein Thema, und plötzlich muss ich auch dem noch nachgehen. Ich kann vollkommen bei der Sache sein und dabei immer weniger mitbekommen, was um mich herum eigentlich noch stattfinden sollte.

Setz mich dagegen vor eine langweilige Aufgabe, und die Zeit scheint in Zeitlupe zu vergehen.

Ich spüre, wie anstrengend das Dranbleiben ist. Ich möchte weitermachen, aber mit etwas anderem. Etwas anderes ansehen, fast irgendetwas tun, das meinem Kopf mehr gibt, womit er sich beschäftigen kann. Die Aufgabe kann praktisch gesehen durchaus machbar sein. Trotzdem kostet es mich viel mehr, bei ihr zu bleiben, als ihre scheinbare Einfachheit vermuten lässt.

Dieser Gegensatz ist schwer zu erklären, wenn jemand gerade noch gesehen hat, wie du dich stundenlang auf etwas Kompliziertes konzentrierst. Die Konzentration war ja da. Du kannst es offensichtlich. Warum braucht diese andere, viel kleinere Aufgabe dann eine derart erschöpfende innere Verhandlung?

Ich verstehe, warum das widersprüchlich wirkt. Von innen fühlt es sich genauso widersprüchlich an.

Beim Schreiben eines Buches habe ich reichlich Gelegenheit, beide Extreme zu beobachten. Ich kann mich vollkommen in einen Gedanken vertiefen und dann enorme Schwierigkeiten mit den sich wiederholenden Kleinigkeiten haben, die aus diesem Gedanken ein fertiges Buch machen sollen. Recherche kann mich stundenlang fesseln. Immer wieder Abstände zu korrigieren, kann ein paar Minuten absurd lang erscheinen lassen.

Beides muss gemacht werden. Leider verteilt sich mein Interesse daran nicht danach, wie wichtig es ist.

Dann ist da noch dieses kleine Wort «nur». Nur schnell die E-Mail beantworten. Nur die Seite fertig machen. Nur noch fertig werden, bevor man geht. Es lässt eine Aufgabe nach einer einzigen Handlung klingen. Dabei können mehrere Entscheidungen, Unterbrechungen und Dinge, die man erst finden muss, dazugehören, bevor sie wirklich erledigt ist.

Das spielt eine Rolle, wenn man Zeit einschätzt. Man sieht sich bei der eigentlichen Aufgabe und vergisst leicht, wie viel drumherum passiert. Ausserdem muss man erst mit dem aufhören, was man gerade tut. Wenn die Aufmerksamkeit vollständig darin steckt, kann schon das eine eigene Aufgabe sein.

Einen Termin dreissig Minuten früher in meinen Kalender einzutragen, ist einer meiner Versuche, das zu berücksichtigen. Diese zusätzliche Zeit hat einen Zweck. Sie schafft Raum für die Dinge, die sich so leicht unterschätzen lassen.

Ich wünsche mir, dass Menschen verstehen: Diese Vorkehrungen entstehen daraus, dass ich meine Schwierigkeiten ernst nehme und Verantwortung dafür übernehmen möchte. Sie zeigen, dass ich mich bemühe. Trotzdem ist es ein unangenehmes Gefühl, für einen gewöhnlichen Teil des Alltags so einen Apparat zu brauchen. Besonders dann, wenn der Rat von aussen immer wieder lautet, man müsse sich einfach besser organisieren.

In meine Pünktlichkeit ist eine beträchtliche Menge Organisation geflossen. Es sind sieben Wecker daran beteiligt.

Die schwierigere Frage ist, wie viel von seinem Leben man damit verbringen möchte, sich selbst zu beaufsichtigen.

Eine Erinnerung kann hilfreich sein. Ein Zeitpuffer auch. Aber Unterstützung zu haben und das Gefühl, ständig auf sich aufpassen zu müssen, damit man nichts falsch macht, sind zwei unterschiedliche Dinge. Ich finde, dieser Unterschied verdient mehr Aufmerksamkeit, wenn wir über Erwachsene sprechen, die scheinbar gut zurechtkommen.

Man kann sehr gut darin werden, die Mühe unsichtbar zu machen. Man bereitet vor, gleicht aus und kontrolliert. Irgendwann gewöhnen sich die Menschen um einen herum an das Ergebnis. Manchmal gewöhnt man sich selbst daran und gesteht sich nicht mehr zu, wie anstrengend die Vorbereitung sein kann.

Wenn dann doch etwas schiefgeht, fühlt es sich viel grösser an als ein überhörter Wecker oder eine falsch eingeschätzte Aufgabe. Man hat so viel dafür getan, es zu verhindern, dass der Fehler wie ein Beweis dafür wirken kann, dass man sich noch immer nicht trauen darf.

Mit diesem Teil möchte ich vorsichtig umgehen.

Ich möchte verlässlich sein. Ich möchte zu Ende bringen, was ich anfange, und einhalten, was ich zusage. Gleichzeitig wünsche ich mir einen Umgang mit mir selbst, der auch einen unvollkommenen Nachmittag aushält.

Ich möchte mir selbst vertrauen können, ohne mich jede Minute des Tages kontrollieren zu müssen.

Beim Aufbau von Neurodazzled und beim Schreiben des Buches wird mir das besonders deutlich, weil es immer noch mehr gäbe, das ich tun könnte. Noch eine Seite, noch eine Korrektur, noch ein Gedanke, dem nachzugehen sich lohnen könnte. Wenn einem das, was man erschafft, viel bedeutet, ist es manchmal schwer zu entscheiden, wo ein vernünftiger Arbeitstag endet.

Und wenn etwas länger dauert als erwartet, liegt es nahe, die Erklärung ausschliesslich bei sich selbst zu suchen. Ich hätte schneller sein sollen. Ich hätte konzentriert bleiben sollen. Ich hätte das längst fertig haben müssen.

Manchmal lässt sich etwas daraus lernen, wie ich an die Arbeit herangegangen bin. Manchmal war die Schätzung unrealistisch. Manchmal habe ich den verfügbaren Stunden zu viel zugemutet. Diese Möglichkeiten verdienen einen Blick, bevor ich eine Verzögerung zum nächsten Grund mache, von mir selbst enttäuscht zu sein.

Auch bei langweiligen Aufgaben lohnt es sich, ehrlich mit dem Erleben umzugehen. Eine Aufgabe kann kurz sein und die Langeweile trotzdem intensiv. So zu tun, als müsste es leicht sein, macht das Dranbleiben nicht leichter. Man darf kürzere Arbeitsabschnitte, einen klar erkennbaren Endpunkt oder eine Pause ausprobieren, statt jede Schwierigkeit schon vor dem Anfang als Scheitern zu betrachten.

Ich möchte kein hübsches System präsentieren und so tun, als hätte sich damit für mich alles erledigt. Ich lerne noch immer einzuschätzen, was ich realistisch schaffen kann. Ich lerne aufzuhören, wenn mich etwas völlig einnimmt, und weiterzumachen, wenn es genau das Gegenteil tut.

Die Wecker und vorgezogenen Kalendereinträge helfen mir, Termine einzuhalten. Mit den Stunden dazwischen leben zu lernen, ist noch einmal eine andere Arbeit.

Ein Teil davon ist praktisch. Ein Teil besteht darin, ehrlich zu sagen, was mir schwerfällt, ohne mich gleich für meine ganze Persönlichkeit entschuldigen zu müssen. Und ein Teil bedeutet, zu bemerken, wann die ständige Mühe mitzuhalten kaum noch Raum lässt, das Leben zu geniessen, das ich da organisiere.

Ich möchte Zeit für die Menschen, die ich liebe. Ich möchte mich gelegentlich in etwas Wunderbares vertiefen dürfen, ohne jede vergangene Minute zum Problem zu machen. Ich möchte das Buch fertig schreiben. Und währenddessen möchte ich weiterhin ein Mensch mit einem Leben sein.

Das erhoffe ich mir von einem besseren Verständnis von Zeitblindheit: realistischere Erwartungen, hilfreiche Unterstützung und etwas weniger Missverständnisse darüber, wie viel Mühe dahintersteckt.

Wenn du mich pünktlich ankommen siehst, geh bitte nicht davon aus, dass Zeit für mich plötzlich einfach geworden ist. Ich habe hart daran gearbeitet, dort zu sein. Ich möchte, dass diese Mühe zählt, auch wenn das einzig sichtbare Ergebnis darin besteht, dass ich zur vereinbarten Zeit vor dir stehe.

Ergänzung vom Oktober 2026: Inzwischen habe ich das Time Blindness Survival Workbook erstellt. Es enthält Reflexionsseiten, eine Übersicht zum Vergleichen von geschätzter und tatsächlicher Dauer sowie Planungsübungen, mit denen du deine eigenen Muster erkunden kannst. Such dir eine Seite aus, die dir hilfreich erscheint, und fang dort an. Du musst nicht das ganze Workbook durcharbeiten, um etwas davon zu haben.